Neue Gleise, neue Weichen: VGF nimmt Betriebshof Gutleut vom Netz

Es ist tatsächlich selten in Deutschland, dass ein Verkehrsbetrieb für eine nahezu komplette Gleis- und Weichenerneuerung einen aktiven Betriebshof vom Netz nimmt. Doch ab Montag, 19. Oktober 2020, tut die VGF genau das. Sie erneuert bis März 2021 die Gleise und Weichen im Betriebshof Gutleut, der zentral im Herzen des Straßenbahnnetzes in der Nähe des Frankfurter Hauptbahnhofs liegt. Für das Mammut-Projekt müssen die dort stationierten Straßenbahnen auf andere Anlagen verteilt werden. Lediglich die zum Betriebshof gehörige Werkstatt bleibt anfahrbar und wird notwendige geplante Arbeiten an den Straßenbahnen durchführen.

Wie die Betriebshöfe Heddernheim (1910) und Eckenheim (1911) wurde das Straßenbahn-Depot in Gutleut Anfang des 20. Jahrhunderts eröffnet. Die 1916 fertig gestellten Hallen wurden zunächst im ersten Weltkrieg von der Kriegsleder AG fremdgenutzt. Erst seit dem 16. Juni 1919 nutzt die Städtische Straßenbahn das Gelände als Depot für Straßenbahnen. In den 1920er Jahren zogen auch Omnibusse dort ein.

Nebem dem Ebbelwei-Expreß, Typ „K“, und Museumswagen, Typen „L“, „M“, „N“ und „O“ sind die für den Linienbetrieb benötigten Typen „Pt“, „R“ und „S“ im Betriebshof Gutleut beheimatet. Während der Bauarbeiten in Gutleut müssen sie auf die Betriebshöfe Eckenheim und Ost sowie auf die Abstellanlage am Stadion verteilt werden. Die Aufnahme entstand am 25. Juni 2016 vor der Ausfahrt zu einer Fahrzeugparade am Stadion. Bild: © Thomas Lusmöller

Mehr als nur Gleis- und Weichenbau

Ganz so alt sind die Schienen und Weichen, die heute auf dem Betriebshofgelände liegen, natürlich nicht. Mit einem Alter zwischen 35 und 43 Jahren sind sie aber in die Jahre gekommen und rechtfertigen eine umfangreiche Modernisierung. Denn die Anlage soll fit für die neue Fahrzeuggeneration vom Typ Citadis von Alstom – in Frankfurt als Typ „T“ bezeichnet – sein, deren Auslieferung im kommenden Jahr beginnt und die von Gutleut aus eingesetzt werden.

Am kommenden Montag beginnt die VGF deshalb mit der Sanierung. Die Kosten für das Mammut-Projekt betragen rund acht Millionen Euro. Bis Ende März 2021 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. In den Zeitplan eingeplant hat die VGF auch eine 14-tägige Winterpause sowie einen zeitlichen Puffer für Unvorhergesehenes. Gearbeit wird jeweils montags bis samstags von 5:00 Uhr bis 22:00 Uhr. Nachtarbeiten, sind mit Ausnahme der letzten Bauphase im Frühjahr, wenn der Gleiswechsel in der Mannheimer Straße erneuert wird und wofür auch die Heilbronner Straße 14 Tage gesperrt werden muss, nicht vorgesehen.

Erneuert werden Schienen auf einer Länge von 2.738 Metern, 29 Weichen und 4.200 Meter Fahrdraht inklusive 22 Oberleitungsmasten. Von den Arbeiten betroffen ist das gesamte Gleisvorfeld vor den Hallen inklusive der zweigleisigen Zufahrt von der Mannheimer Straße sowie die Einfahrten zu den 27 Gleisen, davon vier Werkstattgleise.

Die VGF und die rund 25 beteiligten externen Firmen bewegen im Verlauf der Arbeiten viel Boden und Material: 13.300 Tonnen Erde, 1.770 Kubikmeter Beton und 5.410 Quadratmeter Asphalt. Dazu kommen 2.650 einzusetzende Ankerbolzen und 334 zu erstellende Schweißstöße, mit denen die Gleisstücke verbunden werden. Außerdem werden für diverse Kabel – u. a. für Weichenheizungen, Betriebshofsbeleuchtung, Strom etc. – 5.350 Meter Leerrohre unterirdisch verlegt und 98 Schächte gesetzt. Entstehen wird auch ein neuer Abwasserkanal von 780 Metern Länge, der Teil eines neuen Entwässerungssystems auf der Nordseite ist, weil das Alte durch die Verschiebung einigter Weichen nicht mehr genutzt werden kann. Und zu guter letzt werden auch 132 Meter Zaun erneuert.

Besondere Herausforderung

Es geht bei dem Projekt nicht nur um eine möglichst schnelle Sanierung der Gleis- und Weichenanlagen, sondern auch darum, den Straßenbahn-Betrieb mit so wenigen Auswirkungen wie möglich für die Fahrgäste aufrecht zu halten. Neben den Museumsbahnen und dem Ebbelwei-Expreß sind im Betriebshof Gutleut 97 im Linienverkehr eingesetzte Straßenbahnen der Typen „Pt“, „R“ und „S“ stationiert. Die Bahnen werden in der ohnehin kurzen Betriebspause nicht nur abgestellt, sondern vor allem die sogenannten „Fristen“ erledigt. Also in regelmäßgen Abständen wiederkehrende Untersuchungen an den Bahnen, ohne die ihr Betrieb nicht genehmigt wäre. Dazu kommen ungeplante Instandhaltungen wie etwa Reparaturen kleinerer Unfallschäden oder die Beseitigung von Vandalismusschäden sowie die Innen- und Außenreinigung und zur Zeit auch die Corona-Desinfektion in den Bahnen.

In der zentralen Rolle, die ein funktionierender und voll ausgestatteter Straßenbahn-Betriebshof für den Betrieb spielt, liegt die Herausforderung des Projekts. Die Arbeiten für die 105 Bahnen werden 24 Stunden am Tag, an sieben Tagen die Woche in Gutleut vorgenommen. Während der Sanierung muss ein Teil dieser Tätigkeiten also dezentral geleistet werden, da die Bahnen an drei verschiedenen Stellen im Netz am Stadion, im Betriebshof Ost und teilweise reaktivierten Betriebshof Eckenheim werden. Dafür hat die VGF in Eckenheim eine provisorische Werkstatt eingerichtet, die laufende Arbeiten und kleinere Reparaturen erledigen kann. Hierzu wird die „Gutleut-Nachtschicht“ zwischen 18:00 Uhr und 6:00 Uhr nach Eckenheim verlegt.

Für „große“ Arbeiten bleibt die Werkstatt in Gutleut offen und nachts auch anfahrbar. Tagsüber werden dort die geplanten Arbeiten an den Straßenbahnen, also die genannten „Fristen“, vorgenommen, für die das „Provisorium Eckenheim“ nicht ausgerüstet werden kann. Das heißt wiederum, dass nachts zwischen 1:00 Uhr und 4:00 Uhr ein bis vier Bahnen, an denen für den nächsten Tag „Fristen“ vorgesehen sind, über ein Gleis nach Gutleut gefahren werden und andere Fahrzeuge, an denen diese Arbeiten abgeschlossen wurden, wieder zu den zugewiesenen dezentralen Abstellanlagen zurückkehren.

Für die Überführungsfahrten wird die Verkehrsführung auf der Mannheimer Straße und den Nebenstraßen für diesen Zeitraum angepasst. Die Regelung wird ausgeschildert. Entsprechende Anwohner-Informationen hat die VGF hierzu vorbereitet.

Provisorische Werkstatt mit mobiler Drehbank in Eckenheim

Für den Regelbetrieb geschlossen wurde die Werkstatt des 1911 eröffneten Betriebshof Eckenheim mit der Inbetriebnahme des neuen Betriebshofs Ost im Sommer 2003. Teile der alten Einrichtung wurden in vergegangenen Jahren für Rollkuren an „S-“ und „U5“-Wagen genutzt. Sonst dient der ehemalige Betriebshof als Abstellanlage und wurde zum Glück nicht verkauft.

Der Betriebshof Eckenheim wird seit Sommer 2003 nur noch als Abstellanlage für einige Züge der Linie U5 genutzt. Im Rahmen einer Sonderfahrt am 22. September 2018 machten die Pt-Wagen 148 (ex 748), 720 und 138 (ex 738) einen Fotohalt. Bild: © Thomas Lusmöller

Bis März werden nicht nur Teile der 30 überdachten Abstellgleise für 42 bis 45 Straßenbahnen wieder genutzt, sondern auch die Werkstatt wieder provisorisch wiederbelebt. Hierzu waren eine gründliche Reinigung, Prüfung von Gleisen und Weichen sowie die Ausstattung mit Werkzeug und Material notwendig. Dazu kamen Aufbau und Ausstattung von Containern mit Sozialräumen für die Werkstatt-Mannschaft und die Schaffung von Parkplätzen für die Mitarbeiter in ausreichender Zahl.

Eine Besonderheit: Gutleut verfügt über eine Unterflur-Drehbank, auf der die Räder Straßenbahnen geschliffen werden. Dies führt zu einem geschmeidigeren Lauf und einer größeren Laufruhe. Außerdem wird der Verschleiß damit verringert. Da auf das Schleifen der Radsätze nicht verzichtet werden kann, hat die VGF eine mobile Drehbank für Eckenheim gemietet, die am vergangenen Montag aufgebaut worden ist.

Mehr Straßenbahnen in Ost und Abstellung am Stadion

Nicht nur über eine solche Drehbank, sondern auch über alle anderen Einrichtungen, die für einen Straßenbahnbetrieb nötig sind, verfügt der im Jahr 2003 eröffnete Betriebshof Ost. Von den 119 für den Linien-Einsatz vorhandenen Straßenbahnen stehen regulär 29 dort. Mit etwa 20 Bahnen aus Gutleut wird vorrübergehend die Kapazität des jüngsten Betriebshofs ausgeschöpft.

Der 2003 eröffnete Betriebshof Ost hat die alten Anlagen in Sachsenhausen, Bornheim und Eckenheim abgelöst. Hier sind die U-Bahnen für die Linien U4 bis U7 sowie 29 Straßenbahnen für die Linien 11, 12 und 14 stationiert. Während der Bauarbeiten in Gutleut wird die Kapazität des Betriebshofs mit weiteren 20 Straßenbahnen voll ausgelastet. Im Rahmen des 15-jährigen Jubiläums wurden am 7. Juli 2018 die sechs Partnerstädte-Wagen für ein Gruppenbild aufgestellt. Bild: © Thomas Lusmöller

Die große Gleisanlage am Stadion wird sonst wiederum nur bei Veranstaltungen genutzt. Jetzt wird sie vorübergehend zu einer weiteren Abstellanlage. Hier findet die Reinigung der Innenräume von rund 26 übernachtenden Fahrzeugen statt.

Die Abstellanlage am Stadion wird wie hier am 30. Juni 2017 nur bei Veranstaltungen für die Züge der Linie 20 genutzt. Für die kommenden Monate werden hier nachts 26 Straßenbahnen abgestellt und gereinigt. Bild: © Thomas Lusmöller

Aufgrund des gültigen Wageneinsatzplans geht die VGF von rund 91 zu verlegenden Fahrzeugen aus, obwohl in Gutleut 105 Fahrzeuge beheimatet sind. Die Differenz erklärt sich mit den Fahrzeugen, die für „große“ Fristen und wegen Unfallschäden längerfristig in der Stadtbahnzentralwerkstatt in Rödelheim stehen. 

Herausforderung auch für den Fahrdienst

Zahlreiche Abteilungen der VGF sind auf irgendeine Art und Weise mit dem Bauvorhaben beschäftigt. Ein besonderer Kraftakt ist das Vorhaben jedoch für eine Abteilung bei der das von außen zunächst nicht bemerkt wird und auch nicht bemerkt werden sollte: Für den Betrieb Schiene, zu dem das Fahrpersonal gehört.

186 tägliche Dienste beginnen ab Montag nicht mehr zentral in Gutleut, sondern dezentral in den Betrieshöfen Eckenheim und Ost sowie in der Abstellanlage am Stadion. Die VGF hat hierfür ein aufwendiges Konzept erstellt, für dessen reibungslose Umsetzung und das pünktliche Einfädeln aller Fahrzeuge ins Netz jeden Tag ein Rädchen ins andere greifen muss. Im Idealfall sollen die Fahrgäste schließlich keine Auswirkungen der Arbeiten auf den Fahrplan mitbekommen.

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