Straßenbahn-Netz wird neu gestrickt

In den vergangenen Jahren sind in Frankfurt am Main die Fahrgastzahlen stark gestiegen. Die Stadt will das Straßenbahn-Netz mit drei neuen Linien, längeren Fahrzeugen und der Reaktivierung zweier Betriebsstrecken attraktiver und leistungsfähiger machen. Doch bis alles Realität wird, dauert es noch. Zunächst muss der Knoten am Hauptbahnhof ausgebaut und in die vorhandene Infrastruktur investiert werden.

Am Montag war der Tag, auf den Nahverkehr-Interesierte lange gewartet haben. Der Frankfurter Verkehrsdezernent Klaus Oesterling stellte das neue Straßenbahn-Netz der Presse vor. Wer die große Revolution erwartet hatte, wurde aber enttäuscht. Denn große Neubauprojekte sind im neuen Straßenbahn-Netz nicht enthalten. Es ist schlicht eine Neuordnung des bestehenden Netzes mit neuen Verstärkungs-Linien. On Top werden zwei nur für Betriebsfahrten genutzte Streckenabschnitte wieder von Fahrgästen genutzt werden können.

Fahrgastzuwachs um bis zu 37 Prozent

In den gestiegenen Fahrgastzahlen der vergangenen Jahre sieht Oesterling gleichermaßen die Folge der wachsenden Stadt als auch einer zunehmenden Nachfrage nach attraktiven und nachhaltigen Mobiltätsangeboten. Einen wesentlichen Anteil an den Zuwächsen hat die Straßenbahn.

Seit dem Jahr 2010 belegen die kontinuierlichen Haltestellenzählungen von traffiQ ein Mehr an Fahrgästen von bis zu 37 Prozent. Im Jahr 2019 wurden an vielen Stellen im Netz die Auslastungsgrenzen erreicht. Für Oesterling ist es an der Zeit, das Straßenbahnsystem grundsätzlich neu zu ordnen.

Dichter Takt, längere Fahrzeuge, verstärkte Nutzung und Ausbau

Entwickelt wurde die Tramstrategie von der Nahverkehrsgesellschaft traffiQ. Sie setzt auf einen dichten Takt, längere Fahrzeuge sowie auf die verstärkte Nutzung und Ausbau des Netzes. Die drei großen Knotenpunkte Hauptbahnhof, Börneplatz und Südbahnhof bilden dabei ein Dreieck, auf dessen Hauptkanten Altstadtstrecke, Hauptbahnhof – Sachsenhausen und östliche Innenstadt – Sachsenhausen das Netz entsprechend von Nachfrage und Kapazität entwickelt wird.

Die Hauptkanten des Frankfurter Straßenbahn-Netzes. Grafik: © traffiQ Frankfurt am Main

Dabei orientiert sich das Netz am Bedarf der Mehrheit der Fahrgäste und stellt durch Takt sowie Fahrzeuggröße das passende Angebot zur Verfügung. Als Grundraster gilt der 10-Minuten-Takt.

Schrittweise Umsetzung des Zielnetzes

Die Tramstrategie ist Teil des Entwurfs des neuen Nahverkehrsplans 2025+ (NVP) und berücksichtigt die dort zugrunde gelegten Rahmenbedingungen. Umgesetzt werden soll das Zielnetz schrittweise in den nächsten Jahren. Denn zunächst ist erst einmal der Ausbau der Infrastruktur, wie zum Beispiel der viergleisige Ausbau der Straßenbahn-Haltestelle am Hauptbahnhof, die bereits heute an ihre Leistungsgrenzen stößt, sowie die Auslieferung weiterer Straßenbahnen und Straßenbahn-Mittelteile notwendig.

Im neuen Straßenbahn-Netz bleibt die Linie 11 als stärkste Linie erhalten und wird 2022 auf die 38 Meter langen T-Wagen umgestellt. Ebenfalls unverändert bleiben die Linien 12, 17 und 18. Sie erhalten auf Teilstrecken eine Verstärkung durch neue Linien, die montags bis freitags in den Hauptverkehrszeiten sowie in der Nebenverkehrszeit verkehren.

Eine dieser neuen Verstärker ist die Linie 19, die von der Friedberger Warte bis zum Lokalbahnhof die Linie 18 verstärken soll und weiter in Richtung Offenbach Stadtgrenze die Linie 15 ersetzt. Oberrad erhält damit die vielfach geforderte Direktverbindung in die Innenstadt. Die bisherigen Schülerfahrten, die bisher als Linie 19 zwischen Schwanheim und Sachsenhausen verkehren, gehen in das Angebot der Linien 12, 15 und 20 auf.

Der zweite Verstärker ist die Linie 20. Sie verbindet die Bürostadt Niederrad über den Hauptbahnhof mit dem Rebstockbad und verstärkt damit die Linien 12 und 17.

Weitgehend unverändert bleibt auch die Linie 14. Sie wird jedoch von der bisherigen Endhaltestelle an der Mönchhofstraße bis Nied Kirche verlängert.

Die Linie 15 bleibt zwischen Niederrad Haardtwaldplatz und Südbahnhof unverändert. Von dort wird sie zur Hanauer Landstraße und weiter nach Fechenheim Schießhüttenstraße geführt.

Die bisherigen Linien 16 und 21 tauschen nördlich des Mains die Linienwege. Die von der Stadtgrenze Offenbach kommende Linie 16 fährt ab dem Platz der Republik über die Mainzer Landstraße wie die Linie 11 bis zur Zuckschwerdtstraße in Höchst. Sie soll ab 2024 ebenfalls auf lange T-Wagen umgestellt werden.

Die vom Stadion kommende Linie 21 fährt im Gegenzug ab Platz der Republik über Messe und Bockenheimer Warte nach Ginnheim.

Neu eingerichtet wird die Linie 13 vom Industriehof über Messe und Hauptbahnhof zur Heilbronner Straße im Gutleutviertel. Sie nutzt dabei die bestehenden Strecken in der Schloßstraße und der Mannheimer Straße, die derzeit nur für Betriebsfahrten genutzt werden.

Das Straßenbahn-Netz im Nahverkehrsplan 2025+. Grafik: © traffiQ Frankfurt am Main
Linie Linienweg
11 Höchst Zusckwerdtstraße – Nied Kirche – Mainzer Landstraße – Hauptbahnhof – Römer/Paulskirche – Ostbahnhof – Hanauer Landstraße – Fechenheim Schießhüttenstraße
12 Schwanheim Rheinlandstraße – Waldfriedhof Goldstein – Bürostadt Niederrad – Triftstraße – Universitätsklinikum – Stresemannallee/Gartenstraße – Hauptbahnhof/Münchener Straße – Römer/Paulskirche – Konstablerwache – Rohrbachstraße/Friedberger Landstraße – Bornheim Mitte – Eissporthalle/Festplatz – Fechenheim Hugo-Junkers-Straße
13 Industriehof – Festhalle/Messe – Hauptbahnhof – Gutleutviertel Heilbronner Straße
14 Nied Kirche – Gallus Mönchhofstraße – Galluspark – Galluswarte – Hauptbahnhof – Römer/Paulskirche – Allerheiligentor – Zoo – Wittelsbacherallee – Bornheim Ernst-May-Platz
15 Niederrad Haardtwaldplatz – Universitätsklinikum – Stresemannallee/Gartenstraße – Schweizer Straße – Südbahnhof – Lokalbahnhof – Allerheiligentor – Ostbahnhof – Hanauer Landstraße – Fechenheim Schießhüttenstraße
16 Höchst Zuckschwerdtstraße – Nied Kirche – Mainzer Landstraße – Hauptbahnhof – Stresemannallee/Gartenstraße – Schweizer Straße – Südbahnhof – Lokalbahnhof – Offenbacher Landstraße – Offenbach Stadtgrenze
17 Rebstockbad – City West – Festhalle/Messe – Hauptbahnhof – Stresemannallee – Louisa Bahnhof – Neu-Isenburg Stadtgrenze
18 Preungesheim Gravensteiner-Platz – Friedberger Warte – Rohrbachstraße/Friedberger Landstraße – Konstablerwache – Lokalbahnhof – Südbahnhof – Mörfelder Landstraße – Sachsenhausen Louisa Bahnhof
19 Friedberger Warte – Rohrbachstraße/Friedberger Landstraße – Konstablerwache – Lokalbahnhof – Offenbacher Landstraße – Offenbach Stadtgrenze
20 Rebstockbad – City West – Festhalle/Messe – Hauptbahnhof – Stresemannallee/Gartenstraße – Universitätsklinikum – Triftstraße – Bürostadt Niederrad
21 Ginnheim Mitte – Bockenheimer Warte – Festhalle/Messe – Hauptbahnhof – Stresemannallee/Gartenstraße – Universitätsklinikum – Triftstraße – Stadion

Verstärker-Linien bringen 5-Minuten-Takt

Grundsätzlich sollen alle Linien im 10-Minuten-Takt verkehren. Durch die Überlagerung von zwei Linien entsteht in den Haupt- und Nebenverkehrszeiten ein 5-Minuten-Takt zwischen Bürostadt Niederrad und Hauptbahnhof (Linien 12 und 20), Hauptbahnhof und Rebstockbad (Linien 17 und 20), Friedberger Warte und Lokalbahnhof (Linien 18 und 19) sowie Lokalbahnhof und Offenbach Stadtgrenze (Linien 16 und 19).

Auf zentralen und stark nachgefragten Streckenabschnitten, die von mehreren Linien genutzt werden, wird das Angebot noch dichter. Dabei gibt es, wenn man nur den Takt betrachtet, einen großen Verlierer. Auf der stark nachgefragten Mainzer Landstraße zwischen Hauptbahnhof und Mönchhofstraße fahren dann nur noch 18 Bahnen pro Stunde und Richtung, während es heute 24 sind. Weiter Richtung Nied verbessert sich das Angebot von 16 auf 18 Bahnen pro Stunde und Richtung und noch weiter Richtung Höchst von derzeit 8 auf 12.

Im Bericht der Frankfurter Neuen Presse vom 7. August 2020 sieht der Geschäftsführer von traffiQ, Tom Reinhold, darin kein Problem. Er begründet dies damit, dass auf den Linien 11 und 16 künftig lange T-Wagen eingesetzt werden, die rund ein Viertel mehr Platz bieten, und die U5 im Europaviertel von 2024 an einige Fahrgäste von der Mainzer Landstraße abziehen werde.

Doch nicht erst seit heute gilt der Streckenabschnitt als überlastet. Die vor rund eineinhalb Jahren dorthin umverlegte Linie 14 hat zwar ein bisschen Entlastung gebracht. Doch dem Beobachter fällt auf, dass auch sie immer mehr genutzt wird und deutlich voller als noch vor einem Jahr ist. Zudem entstehen im Gallus in nächster Zeit weitere Neubauten mit Wohnraum, unter anderem auf dem ehemaligen Teves-Gelände an der Rebstöcker Straße. Und auf dem ehemaligen Fiat-Gelände in Griesheim nahe der Haltestelle „Linnegraben“ soll in den kommenden Jahren ein Schulcampus entstehen.

Auf anderen Streckenabschnitten erhöht sich die Zahl der Fahrten pro Stunde und Richtung. So fahren künftig zwischen Platz der Republik und Messe 24 statt 14 Bahnen und auf dem zentralen Abschnitt zwischen Hauptbahnhof und Platz der Republik 42 statt 36.

Leistungsfähiges und hoch attraktives Nahverkehrsnetz

Verkehrsdezernent Oesterling ist davon überzeugt, dass der Ausbau des Straßenbahn-Netzes unumgänglich ist. Im begonnenen Jahrzehnt muss, wenn die Corona-Pandemie überstanden ist, mit weiter steigenden Fahrgastzahlen gerechnet werden. Schnell genug schaffen könne man die nötigen Kapazitäten nur mit der Straßenbahn.

Bereits im kommenden Dezember wird das Bus-Netz einen massiven Qualitässchub mit Metrobussen, Expressbussen und einem 24-Stunden-Netz erfahren. Der Ausbau des U-Bahn-Netzes ist in die Wege geleitet. Die aktuellen Stichworte sind Europaviertel und Römerhof, der Lückenschluss Bockenheimer Warte – Ginnheim, Frankfurter Berg und Bad Homburg. Aber es braucht seine Zeit und ist deutlich teurer.

Oesterling ist sehr optimistisch, dass in den kommenden Jahren in Frankfurt ein leistungsfähiges und hoch attraktives Nahverkehrsnetz geschaffen wird.

Der NVP 2025+ beschreibt über diese konkreten Maßnahmen hinaus ein Perspektivnetz Schiene, das weiter in die Zukunft weist. Es umfasst den Bau neuer Infrastruktur, um höhere Kapazitäten im Nahverkehr zur Verfügung stellen zu können. Damit kann auf die zunehmenden Einwohnerzahlen reagiert, Neubaugebiete angebunden und flexiblere Netzstrukturen geschaffen werden. Die Verlängerung zum Bahnhof Höchst und die Ringstraßenbahn zwischen Markus-Krankenhaus und Friedberger Warte sind zwei Beispiele die für die Straßenbahn realisiert werden sollen.

Zu den weitere Projekten weisen Überlegungen, die aber noch auf dem Prüfstand der GVP-Planungen, des Nutzen-Kosten-Indikators und der allgemeinen Umsetzbarkeit stehen. Dazu gehören die Ideen zur Verlängerung der Straßenbahn über die Frankfurter Stadtgrenzen hinaus ebenso wie der Ersatz besonders stark nachgefragter Bus-Linien. Als Beispiel seien die Verbindung vom Hauptbahnhof zum Briefzentrum im Gutleutviertel oder vom Börneplatz über die Alte Brücke bis zur Sachsenhäuser Warte genannt. Zur Entlastung der hochfrequentierten Altstadtstrecke sind Netzergänzungen in der Innerstadt ebenso denkbar wie Lückenschlüsse etwa zwischen Triftstraße und Stresemannallee/Mörfelder Landstraße oder zwischen Haardtwaldplatz und Bürostadt Niederrad.

Für den Verkehrsdezernenten dränkt sich der Ausbau des attraktiven Systems Straßenbahn auf. Neue Straßenbahnstrecken lassen sich schneller und preiswerter realisieren als U-Bahn-Strecken. Und auch die städtebauliche Integration der Niederflur-Straßenbahn ist wesentlich einfacher als die U-Bahn mit ihren Hochbahnsteigen.

Die Presseinformation endet mit dem Satz: „Die Renaissance der Straßenbahn in Frankfurt am Main hat begonnen.“ Es ist aber aktuell eher noch ein kleines Aufblühen. Die letzte größere Erweiterung ist, abgesehen vom Lückenschluss Stresemannallee im Jahr 2014, fast neun Jahre her. Damals, am 11. Dezember 2011, wurde die Linie 18 über die Friedberger Landstraße zum Gravensteiner-Platz in Preungesheim in Betrieb genommen.

Teilen:
Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on whatsapp
WhatsApp
Share on email
Email
Das könnte dich auch interessieren:

2 Antworten

  1. Ab wann wird das neue Straßenbahnkonzept denn umgesetzt? Wenn erst die Haltestelle Hauptbahnhof um-/ausgebaut werden muss, und das geht ja wohl erst nach dem Umbau des Hauptbahnhofs und der B-Ebene, wird es ja noch 10 Jahre dauern… oder wird es schneller gehen?

    1. Die Presseinformation lässt da Raum zum Spekulieren. Es wird immer nur von in den nächsten Jahren geschrieben. Bis überhaupt eine neue Linie fahren kann, müssen auch erstmal ein paar T-Wagen in Betrieb genommen werden. Die ersten kommen allerdings erst im Sommer kommenden Jahres.

      In dem verlinkten FNP-Artikel heißt es, dass die Linie 20 als erste neue Linie frühestens im Sommer 2022 hinzu kommen könne.

Kommentar verfassen